22 Apr 2010

W&V-Kolumne: Social Media und die Suppen-Newsletter

Es ist jetzt einige Tage her, aber die Suppentheorie von Robindro Ullah geht mir nicht aus dem Kopf. Er stellt die These auf, dass populäre Social-Media-Formate viel von der positiven Nutzer-Einschätzung daraus ziehen, dass diese dort Ihresgleichen finden: „Jeder bleibt in seiner Suppe.“ Sinngemäß.

Auch im Twitter-Netz bleiben dann viele in ihrer Suppe hängen. Was natürlich eine großartige Sache ist. Unterstreicht diese Vermutung doch, dass soziale Phänomene aus dem – früher so genannten realen Raum – sich ähnlich auch im digitalen Raum wieder finden.

Somit geht die bewusste Unterscheidung dieser beiden Sphären immer stärker an der Lebenswirklichkeit vorbei. Es wiederholt sich eine Entwicklung, die der Verbreitung des Telefonverkehrs nicht unähnlich ist. Ein neuer Kommunikationsraum wird erst skeptisch beäugt, dann eingemeindet.

Aber zurück zu den Twitter-Suppen, sehr ähnliche Phänomene sehen wir natürlich (!) auf den sozialen Netzwerken. Es bilden sich Cluster heraus, in denen die Akteure („Freunde“) engmaschig vernetzt sind:

Wenn A und B verbunden sind, A zu C einen Draht hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass auch B und C in Kontakt sind. Aus diesen Clustern haben nur wenige viele Verbindungen zu anderen, weiter „entfernten“ Clustern, anderen Suppen.

Dies ist alles nicht neu. Genau genommen ist wahrscheinlich Twitter genau deshalb so erfolgreich, WEIL es diese menschenkommunikationstypischen Strukturen zulässt. Eine Organigrammstruktur würde nicht (wirklich gut) funktionieren.

Ein Schelm, der denkt, dass dies für Kommunikationsstrukturen in Unternehmen anders wäre. Auf den ersten Blick hat diese interne Sicht allerdings wenig mit Social Media und Personalmarketing zu tun.

Zuende gedacht ist der Zusammenhang jedoch erfolgskritisch: Wenn Unternehmen in der Dialogrevolution stattfinden wollen, dann müssen sie durch eigene Beiträge, Antworten, Fragen und Akteure teilnehmen.

Diese Beiträge sind vor allem an den Kriterien Glaubwürdigkeit und Authentizität zu messen. Es ist klar, dass weder Unternehmenskommunikation noch Marketing oder Personalmarketing dies inhaltlich umfassend und autonom leisten können.

Eine dieser Funktionen (oder eine neue „Spezialeinheit“) wird aber die erforderlichen Dialogprozesse initiieren und koordinieren müssen. Die konkreten Dialogpartner und Antwortgeber werden aber aus jeweils passenden internen Suppen kommen müssen, um die notwendige Kenntnis, den entsprechenden Stallgeruch vermitteln zu können.

Somit kommen wir in der Perspektive zum einen zu der Notwendigkeit, die externen und internen Suppen und ihre Akteure zu kennen. Hier sei auf das Stichwort Social Network Analysis SNA hingewiesen.

Zum anderen sei aber den twitternden Akteuren der Gedanke an die Hand gegeben, dass ihre Zielgruppen wahrscheinlich eigene Suppen haben: Diese gilt es zu entdecken, die Bestätigung im eigenen Kreis ist kein ausreichender Hinweis auf Wirkung.

Zuletzt sei noch der Hinweis erlaubt, dass für die Analyse solcher Multi-Suppenstrukturen ein reichhaltiges Methodenset zur Verfügung steht, auf dem beispielsweise die Soziologie beruht. Dort werden die Suppen allerdings Gruppen genannt.

Vielleicht denken Sie beim nächsten Gruppennewsletter daran!

Autor: Prof. Dr. Martin Grothe

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