24 Feb 2010

W&V-Kolumne: Social Media oder die Rückkehr nach Alexandria

Alexandria war der Mittelpunkt der Welt. So wundert es nicht, dass ebendort der Bibliothekar Ptolemaeus die Welt zum Mittelpunkt von Allem erklärte: Alles dreht sich um uns.

Jedenfalls knapp anderthalb Jahrtausende lang. 1543 stellte uns Kopernikus mit seiner „De Revolutionibus Orbium Coelestium“ ins Abseits: Wir sind Bewohner nur eines von vielen Planeten, die um die Sonne kreisen.

Genau genommen ist unser Zentralgestirn sogar nur ein eher unterdurchschnittlicher Stern in einem äußeren, schwach schimmernden Seitenarm der Milchstraße. Die es aber wenigstens zum Mitglied der „lokalen Gruppe“ von Galaxien gebracht hat.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass dieser Erkenntnisprozess reibungslos vonstatten ging. Nicht immer war es einfach, Vordenker zu sein. So ist es aber immer.

Bemerkenswerterweise hat das Bild unserer Erde im Sternenmeer sehr große Ähnlichkeit mit der Position von Arbeitgebermarken im semantisch-inhaltlichen Themenraum einer verteilten Nutzerdiskussion im Internet.

Auch hier beginnt das Erkennen, dass die eigene Heimat nicht der Mittelpunkt von Allem ist, langsam. Unternehmen beginnen, die buchstäblichen Scheuklappen abzulegen, mit denen das Geschehen ausschnitthaft nur rund um das eigene Gestirn betrachtet wird.

Erst einmal seiner Zielgruppe zuzuhören, ist nicht nur vernünftig, sondern inzwischen auch relativ einfach möglich: So liegt die „Revolutionibus“ von Social Media nicht in neuen, nicht mehr rein technischen Gadgets, sondern in der Möglichkeit, Themen und Zielgruppen durch unverzerrtes Zuhören besser zu verstehen und in der Folge zu erreichen.

Durch Zuhören, umgesetzt durch Analyse von Beiträgen in Blogs, Foren und anderen Kanälen, kann ein quantitativer und qualitativer Themenraum aufgespannt werden, in dem – irgendwo, nicht unbedingt in der Mitte – das eigene Unternehmen verortet ist.

Deutlich werden dadurch die anderen, mittelbaren Themen und Fragen der Zielgruppe, ebenso wie die Positionen der tatsächlichen Wettbewerber um die knappen Talente. Mitunter ergeben sich Überraschungen: Aber es ist gerade dieses Erkennen von Unerwartetem, das einen überlegenen, weil besonders passgenauen Dialog erlaubt.

Mit diesem Dialog schafft Personalmarketing nachhaltige Verbindungen zwischen der Zielgruppe und dem Unternehmen. Dass hierbei Markenversprechen und gelebte Arbeitgeber-Wirklichkeit authentisch verbunden sein müssen, ist erfolgskritisch.

Damit aber muss das Personalmarketing in der Zielrichtung ptolemaeisch sein: Die eigene Arbeitgebermarke soll in das Zentrum der Zielgruppendiskussionen gebracht werden! Dies gelingt durch wechselseitige Wertschätzung und weniger durch Werbedruck.

Damit aber Kommunikation erfolgreich ist, sollte zunächst Kopernikus verstanden sein.

Autor: Prof. Dr. Martin Grothe

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