22 Jan 2015

2014.

Von Prof. Dr. Martin Grothe, CEO complexium GmbH

Sehr rasch verschwindet so ein Jahr im Rückspiegel. Natürlich vergisst das Internet nichts, aber doch nicht jedes Muster bleibt im Rauschen bestehen oder muss erst später fachkundig wieder ausgegraben werden. Folglich möchte ich mit dieser – sehr unausgewogenen – Einordnung einige Aspekte festhalten, die mir in 2014 aufgefallen sind.

Ein großer Zyklus ging zu Ende. Die USA sind kaufkraftbereinigt nicht mehr die Wirtschaftsmacht Nummer eins. Zudem beispielsweise nur noch der zweitgrößte Markt für Automobile, haben nur noch die zweitgrößte Glücksspielmetropole etc. Dieser amerikanische Zyklus hat etwas über 140 Jahre gedauert und endet sicher nicht abrupt, aber 2014 fand die tatsächliche Staffelstabübergabe – relativ unbemerkt – statt.

Wer Zahlenspiele mag, der könnte zudem interessant finden, dass das Verhältnis der Einwohnerzahlen zwischen den USA und China (1:4,3) sich in der gleichen Region bewegt wie zwischen den Niederlanden und Deutschland (1:4,8). Die Relation Deutschland – USA liegt übrigens mit 1:4 auch in dieser gedanklichen Reihe. Quasi natürlich bilden diese Einwohner das jeweilige Reservoir an Talenten, aber es ist doch schön zu sehen, dass auch kleinere Player mit hoher Konzentration noch Weltmeister werden können. Auch 2014.

Doch kein „Ende der Geschichte“

Sehr abrupt endete dagegen das von Francis Fukuyama proklamierte „Ende der
Geschichte“: Die Aggression ist 2014 mit der Krim- und Ukraine-Krise nach Europa zurückgekehrt. Genau 25 Jahre nach dem Mauerfall 1989, der eine weitgehend friedliche Epoche einläutete, ein Fenster, wie sich nun herausstellt.

Bemerkenswerterweise weitere 25 Jahre zurück, 1964, sah die Welt mit dem offiziellen Kriegseintritt der USA in den Vietnamkrieg die heißeste Phase des so genannten kalten Krieges. Wiederum 25 Jahre zuvor begann 1939 der zweite, weitere 25 Jahre zurückgespult mit dem ersten Weltkrieg 1914 die gemeinhin als Urkatastrophe bezeichnete Phase des 20. Jahrhunderts. Natürlich ist diese Rhythmik nur ein Zufall, eine Laune der Geopolitik.

Börsenwert ohne Ende: Mehr als 700 Milliarden Dollar für einen Apfel

Parallel zu diesen geo- und wirtschaftspolitischen Transformationen zeigte das Jahr 2014 auch auf der globalen Unternehmensebene erstaunliche Entwicklungen: Erstmals erreichte ein Unternehmen einen Börsenwert von über 700 Milliarden Dollar – Apple. So hat sich auch insgesamt eine Gruppe von knapp zwei Handvoll US-amerikanischer Technologieunternehmen herauskristallisiert, die eine enorme Ballung von Wert und Gestaltungsmacht für weite Lebensbereiche (Work und Life) erreicht haben. Die Westküste vibriert.

Verweilen wir aber einen Moment bei der teuersten Firma: Nach Ansicht vieler Marketing-Experten hat sie 1984, im „Orwell-Jahr“, mit einem sportlichen Angriff auf die dominante Ordnung (der Computerwelt) den markantesten Werbespot überhaupt kreiert (link: https://www.youtube.com/watch?v=RyhwY07CxkM) – gleichwohl aber 2014 Zweifel an der Innovationskraft aufkommen lassen.

Ich möchte gerne einwerfen, dass zum einen nun gerade 2014 eine Entsprechung gelungen ist: (link: https://www.youtube.com/watch?v=Syd1pKOJ__k) Frischer hätte Knut dem Apfel wohl kaum einen Spiegel vorhalten können. Plötzlich darf die iKONE veralbert werden. Von iKEA … vielleicht weil das Einrichtungsimperium noch so lange auf der sicheren Seite ist, wie die haushaltsüblichen 3D-Drucker kleiner sind als ein markttauglicher Kofferraum.

Digitale Transformation verändert die Wirtschaft

Zum anderen übersieht – nicht nur auf Apple bezogen – der traditionelle Blick auf neue Smartphone-Generationen als Beurteilungsmaßstab die tatsächliche Umgestaltungskraft der um sich greifenden Software-Layer und digitaler Lösungen:

Zudem wurde inzwischen sogar in der Automobilindustrie – der Paradebranche schlechthin – erkannt, dass die sehr große und überaus wahrscheinliche Gefahr besteht, dass Suchmaschinenbetreiber und Handybauer die Regeln der Mobilität diktieren werden. Es ist ein realistisches Szenario, dass Nutzer – vormals Fahrer – ihr „connected car“ primär nach den unterhalterischen Vorzügen des Betriebssystems auswählen und die Blech- oder Carbonkonstruktion nur nachrangig hinzubuchen. Natürlich nur anlassbezogen, wer wird so ein automobiles, aber zumeist kaum genutztes Fahrgerät schon besitzen wollen? Die Herausforderung für die Branchen, deren Grenzen nun fallen, könnte kaum größer sein.

Auf dem Weg in die Zukunft

Damit waren 2014 große Kräfte am Werk und haben in vielen Bereichen an entscheidenden Weichen gespielt. Nicht zuletzt sei hier erwähnt, um den Kreis einigermaßen wieder zu schließen, dass in China auf höchster politischer Ebene in diesem Jahr eine „Rule-of-Law“-Diskussion – sicherlich im örtlichen Kontext und natürlich vorgebracht durch Teile der bisher überrechtlich regierenden Partei – aufgeworfen wurde, was langfristig eine enorme gesellschaftliche Transformation bedeutet.

So hat auch die digitale Transformation eigentlich erst begonnen, noch scheint es, dass die Impulsgeber an der amerikanischen Westküsten sitzen. Abzuleiten ist, dass Innovationen und Talente, aber auch Sicherheit als Schlüsselthemen noch an Gewicht gewinnen werden.

Sofern Geographie also noch eine Rolle spielt, dann scheint der Takt pazifischer zu werden. Freuen wir uns aber doch auch, dass Berlin 2014 zur „fun city of the world“ gewählt worden ist. Eine Basis, auf der man aufbauen kann.

About Stefanie Kahls

Stefanie Kahls ist Communications Director. Ihre E-Mail-Adresse lautet stefanie.kahls(at)complexium.de.

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